Galerie im Petrushof

Nicole Bold

Ausstellung Nicole Bold in der Galerie im Petrusho

Obermarchtal. Die Galerie im Petrushof zeigt vom 22. Oktober bis zum 19. November unter dem Titel „morgens riecht das Gras immer frisch“ meist großformatige Arbeiten der Künstlerin Nicole Bold.
Vordergründig mag Nicole Bold eine Naturmalerin sein. Trotzdem sagt die Kunstkritikerin Adrienne Braun: „Nicole Bold ist eine durch und durch abstrakte Malerin. Ihr gelingt, in der Abstraktion die Lebendigkeit der Natur darzustellen. Sie schafft, was doch ganz und gar unmöglich ist: dass die Malerei zu leben scheint. Diese Schichten und Ebenen interagieren, diese heterogenen grafischen und malerischen Elemente befinden sich in einem dynamischen Spannungsverhältnis, sie greifen ineinander und scheinen doch unabhängig voneinander zu existieren. Diese Bilder beschreiben eine fremde Sphäre, flüchtig, losgelöst, etwas, das sich unserer Kontrolle entzieht. Hier lebt etwas völlig ungerührt von unseren Blicken – lebt wie der Kosmos der Natur auch.“
Nicole Bold wurde 1969 in Überlingen am Bodensee geboren und studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Sie lebt und arbeitet in Mittelbiberach.


Vernissage: Sonntag, 22. Oktober, 11 Uhr
Einführung: Dr.Uwe Degreif
Öffnungszeiten: Do.und Fr. 15 bis 18 Uhr und So. 11 bis 16 Uhr
Finissage: Sonntag, 19. November
Die Künstlerin ist bei der Vernissage und Finissage anwesend

Dietze Dietze

Nicole Bold-Das Ewige ist allein im Geist zu finden .

Eröffnung Nicole Bold "morgens riecht das Gras immer frisch"

22.10.17
Galerie im Petrushof Obermarchtal

Liebe Frau Bold, sehr geehrte Eröffnungsgäste,
ich möchte diese Einführung mit einer allgemeinen Feststellung beginnen. Der italienische Literaturwissenschaftler Umberto Eco, Sie kennen ihn vielleicht als Autor des Romans und Films "Der Name der Rose", hat den Begriff des "offenen Kunstwerks" geprägt. Aus Sicht von Umberto Eco ist "Offenheit" zu einer zentralen ästhetischen Kategorie im 20. und 21. Jahrhundert geworden. Moderne Kunstwerke transportieren seiner Beobachtung nach keinen eindeutigen Sinn mehr, sie treffen keine klaren Aussagen, vielmehr ermöglichen sie unterschiedliche Zugänge. Jeder Interpret kann für sich eine Ebene des Verstehens herstellen und so das Potential, das in einem Kunstwerk steckt, erweitern. Nicht nur der Künstler, auch wir, die Betrachter, werden zu Interpreten. Wir bekommen die Freiheit etwas Eigenes zu sehen, auch etwas anderes als der Künstler. Voraussetzung ist, dass wir dem Kunstwerk auf der Spur bleiben und Fragen stellen, so Umberto Eco.
Nun weiß jeder, der sich mit moderner Kunst beschäftigt, dass dies anstrengend ist und verunsichern kann. Jeder hat die Erfahrung gemacht, dass wir auf unsere Fragen keine Antworten bekommen haben. Wir konnten uns nicht sicher sein, ob wir richtig lagen, denn das 'offene Kunstwerk' kann durchaus das 'unverständliche Kunstwerk' sein.
Manchmal sind uns Titel eine Hilfe, häufig aber nicht, denn viele Titel lauten - konsequenterweise - "ohne Titel". Was also tun?
Aus meiner Sicht sind zwei Dinge hilfreich - die Frage der Bedeutung in der Schwebe zu halten und sich auf seinen ersten Eindruck zu verlassen. Vieles teilt sich uns nämlich auf den ersten Blick mit. Dann ist es an uns das Wahrgenommene zu sortieren und unseren eigenen Weg zum Bild zu finden. Bilder erschließen sich einem unter sehr unterschiedlichen Aspekten. Manche Menschen betrachten sie zuerst unter dem Blickwinkel des Lichts oder der Temperatur der Farben, andere unter dem des Klangs oder suchen nach Figuren. Mein erster Blick sucht meistens nach den Räumen in einem Bild.
Die Gemälde von Nicole Bold bieten eine Fülle solcher Anknüpfungspunkte. Sie lassen der Fantasie viel Freiraum. Damit erfüllen sie das Kriterium der "Offenheit" voll und ganz.

Sehr geehrte Gäste,
ich möchte an Hand von vier Aspekte meinen Zugang zu diesen Bildern beschreiben: 1. dem Bildraum, 2. den Natureindrücken, 3. der Art des Malens, 4. den Titeln. Ich beginne mit dem
Bildraum. Wo befinden wir uns, in welchem Verhältnis stehen diese Räume zu uns? Sind sie größer als wir, wie tief würden wir sie schätzen? Da es in den Gemälden von Nicole Bold meist kein Bildzentrum und keine Horizontlinien gibt, mit deren Hilfe wir unseren Standpunkt bestimmen können, bleiben wir auf Vermutungen angewiesen. Auch ist nicht klar, ob wir uns im Innen oder im Außen befinden. Können wir uns sicher sein, dass es sich um Eindrücke einer äußeren Wirklichkeit handelt? Oder zeigt sich uns vielleicht ein Blick wie durch ein Mikroskop? Blicken wir in eine Innenwelt, in einen Mikrokosmos? Vielleicht eine Mischung aus Auen- und Innenwelt?
Eine solche Offenheit der Perspektive ist für diese Bilder charakteristisch. Manche Räume führen in die Tiefe, manche in die Höhe. Mal schauen wir von oben, mal in Untersicht, mal neigt sich der Bildraum von uns weg. Manche Räume öffnen sich, manche ziehen sich zurück. In fast jedem Bild finden sich mehrere Raumverläufe.
Es empfiehlt sich zurücktreten und die Werke aus der Entfernung zu betrachten. Von dort wird man gewahr, dass man nur einen Ausschnitt erfasst, denn der Bildraum reicht über die Leinwandgrenzen hinaus.

2. Der Eindruck von Natur.
Der stellt sich unmittelbar ein. In jedem Bild. Auf Grund der Farben, der Formen, durch das Licht und die stoffliche Durchlässigkeit. Jede Situation hat etwas Feuchtes, Nasses. Alles erscheint weich, quillt, verflüssigt sich, treibt an uns vorbei. Nichts ist fest. Das meiste könnte man von Hand zerteilen. Das Feuchte und Durchscheinende liefert die Substanz dieser Bildwelt. Pflanzen schlingern und wuchern, nichts ist kultiviert, nichts geordnet wie in einem Garten. In dieser Wildnis gibt es Wärmezonen und Kältezonen. In manchen Gemälden breitet sich Hitze und Dunst aus und schaffen eine tropische Vegetation; in anderen Bildern halten sich Nebel und Raureif, herrscht Kälte.
Vieles scheint sich auf einem Wasser zu spiegeln. Genauso gut könnte es ein Blick durch eine Wasseroberfläche sein. Man sieht also aufs und zugleich ins Wasser. Nirgends zeigt sich ein Mensch, nirgends ein Gebäude, kein Weg, kein Steg, überhaupt nichts was auf die Anwesenheit von Menschen hindeutet. Wir schauen auf eine Welt, in die der Mensch nicht eingegriffen hat. Nicht einmal ein Fisch bewegt sich.
Und das Licht? An einer Stelle kommt es von vorne und an anderen von hinten. In der einen Bildhälfte kann es hell sein, in einer anderen dämmert es. Es können sich unterschiedliche Tageszeiten und unterschiedliche Jahreszeiten gemeinsam in einem Bild finden.

3. Die Malerei
Es ist eine spontane, man sagt gestische Malerei. Sie lebt von vielen Veränderungen. Die Farbe wird verdünnt aufgetragen, stellenweise tropfend. Die Ölfarben reagiert wie Feuchtigkeit - sie bildet Rinnsale, Tropfen, Spritzer. Sie breitet sich fließend über die Leinwand aus, überschwemmen sie stellenweise.
Die Künstlerin verzieht die Farben, sie legt nach, überdeckt, wischt und verzieht erneut. Sie führt den Pinsel locker, mal mit Schwung, mal bedacht, stets ohne jähe Richtungswechsel. In jedem Bild finden sich unterschiedliche Temperamente des Farbauftrags.
Weiß die Künstlerin am Beginn welches Bild sie erschaffen wird? Nein. Vieles geschieht intuitiv. Sie beginnt vor einer grundierten Leinwand, ermalt sich Schicht um Schicht, manches konkretisiert sich, aber wo der Prozess insgesamt hinführt, das kann sie nur wenige Schritte im Voraus erkennen. Sie befindet sich in einem Malfluss, der in viele Richtungen verlaufen kann.
Nicole Bold malt ihre Bilder in unterschiedlichen Positionen, mal an der Wand und mal auf dem Boden. Meist steht sie vor der Leinwand und bewegt sich aufrecht vor ihr; gelegentlich nimmt sie sie von der Wand, legt sie auf den Boden und beugt sich zum Malen darüber. Und ab und zu wechselt sie ein weiteres Mal die Perspektive und dreht das Bild auf den Kopf. Später werden die Farben von unten nach oben tropfen.
In ihren Bildern gibt es deutlich mehr Unschärfen als Schärfen. Dies führt dazu, dass wir manches vor unserem inneren Auge 'scharf' stellen. Wir sehen in einem Farbfleck ein Blatt, formen einen Pinselschwung zu einem Ast, einen Strich zu einem Halm. Weiße und farbige Flecken verwandeln sich für uns in fallende Blütenblätter, tropfende Farbverläufe in Niederschlag. Wie bei einer Autofahrt im Regen, wenn der Scheibenwischer die Nässe von der Windschutzscheibe entfernt und im selben Moment neue Feuchtigkeit die Sicht eintrübt, erfahren wir einen fortwährenden Wechsel von klar und unklar, von glänzenden und stumpfen Zonen. Auch die Unschärfe unterstützt den Eindruck von Offenheit. Malend spürt die Künstlerin der Ungewissheit nach und zeigt uns, dass alles im Wandel begriffen ist. Die Vielfalt an unterschiedlichen Beschreibungen eines ähnlichen Phänomens versetzt mich immer wieder ins Staunen.

Schließlich 4. Die Titel
Nicole Bold gibt ihren Bildern Titel. Sie gibt sie ihnen im Nachhinein. Bildtitel sind Angebote an uns, sie können für einen Moment unsere Aufmerksamkeit lenken. Sie bieten an ein Gemälde unter einem bestimmten Gesichtspunkt zu betrachten. Bei Nicole Bold sind es vor allem sinnliche Angebote - "morgens riecht das Gras immer frisch" heißt diese Ausstellung. Ein Bildtitel lautet "nachklingende Morgenfrische", ein ganzer Zyklus "zwischen noch nicht und nicht mehr". Das im Format größten Werk dieser Ausstellung heißt "dabei hatten sie die Zeit völlig vergessen". Viele Titel hört sich nach Innehalten an, nach Heraustreten aus dem Getriebe, mit Aufmerksamkeit für die kleinen Reize. Reize, die die Luft, die Temperatur, das Licht oder der Geruch setzen. Viele Titel haben mit Veränderungen zu tun, mit Empfindungen des sich Wandelns. Viele Titel fordern zu einem kurzen Innehalten auf.

Sehr geehrte Damen und Herrn,
ich möchte mit einer weiteren Frage an die 'Offenheit' schließen:
Wie stellt sich Ihnen die Beziehung der Künstlerin zur Natur dar? Formuliert Nicole Bold in ihren Bildern eine Vorstellung, dass Natur etwas Zauberhaftes ist und eine große Vielfalt hervorbringt, wenn sie sich selbst überlassen bleibt? Oder formuliert sie eher eine religiöse Sicht, die Natur als etwas begreift, das uns die Schöpfung näher bringt? Ein Ort, an dem wir vielleicht etwas Übernatürliches erfahren? Oder sind ihre Bilder Ausdruck einer Trauer über den Verlust von Ursprünglichkeit? Das Unberührte wurde gestört. Schaut die Künstlerin also mit einem kritischen Blick?
Als Betrachter haben wir keine Gewissheit wie die Künstlerin es meint. Wir müssen es in der Schwebe halten. Aber wir sind berechtigt unsere eigene Sicht einzubringen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Dr. Uwe Degreif, Museum Biberach


petrushof-mw@t-online.de