Galerie im Petrushof

Marvin Gralnick

Einführung von Dr. Stefan Feucht ‚ Raum-Öffnung‘   Petrushof / 2013
Marvin Gralnick
Marvin Gralnick, Jahrgang 1934, geboren in St. Louis Missouri, war bevor er sich ganz seiner Kunst widmete, ein erfolgreicher Geschäftsmann, ein Self-Made-Man. Gemeinsam mit seiner Frau Helen gründete er ein Modelabel namens „Chico“ , das sich von den bescheidenen Anfängen als Boutique für mexikanische Folkart auf der kleinen Insel Sanibel in Florida zu einer Kette entwickelte und schließlich an der Börse gehandelt wurde.

Für Marvin Gralnick war der Erfolg aber nicht erfüllend. Er sagt „als das Unternehmen richtig groß wurde, frustrierten mich Dinge wie Besprechungen und das Geschäft ganz allgemein. Also begann ich meine Frustration zu malen, mich selbst in Gemälden auszudrücken. Es war so etwas wie ein Ausgleich.“

Über seine Arbeit als Künstler:  „ich denke, ich bin das, was man einen Autodidakten unter den Künstlern nennen könnte, denn ich habe niemals wirklichen Kunstunterricht erhalten. (…) Ich drücke mich selbst aus, ohne irgendwelche Einschränkungen durch Gelehrsamkeit.“

Seine Arbeiten stießen auf große Resonanz, in den USA wie auch international. Hier in Deutschland erregte er 2008 auf der Art Karlsruhe Aufmerksamkeit. Sein deutscher Galerist hatte ihm einen eigenen Stand gestellt. Die „Welt“ schrieb damals, er sei der „Szenestar, der urbanen Street Art“.

6. Marvin Gralnicks Arbeit
Marvins Bilder erinnern an bunte Kinderbilder, voller Farben, freier Assoziationen und einfachen Formen, Raum und Perspektive fehlen fast immer. Sie erinnern aber auch an Graffiti und das was man als Streetart bezeichnet, etwa wenn er auf seinen Bildern Kommentare und Aufrufe, wie „communicate clearly!“ – „Be Kind – Forgive“ – „Don’t drink the water – wine is fine“, „Awake“ etc. lesen. Ein weiteres Element seiner Arbeit zieht Gralnick aus Comic strips. Bei dem Bild „communicate clearly“ wird dies am deutlichsten.
An diesem Bild kann man auch erkennen, dass für Marvin malen so etwas wie ein Tagebuch darstellt, ebenso „Paris 2012“.  Viele Arbeiten haben aber auch eine dunkle, abgründige Seite, vielleicht einen Blick in die Seelenlandschaft oder machen Kommentare zur westlichen Konsumgesellschaft.
Marvin Gralnick sagt dazu: „wenn ich mit einer Leinwand beginne, weiß ich wirklich nicht was daraus wird. Das Bild nimmt seine eigene Form an und wenn ich das Gefühl habe etwas schreiben oder sagen zu wollen, dann bringe ich das auf die Leinwand, wie eine Aussage von innen heraus. Es kommt nicht von mir, sondern durch mich.“

7. Interpretation von Marvin Gralnicks Arbeit

Marvin Gralnicks bezeichnet seine Kunst selbst als „Urban Primalismus“. Was ist das genau? Das Urban Dictionnary sagt zu “Primalism”, es handle sich um eine philosphische Schule, die primäre Bedürfnisse und Wünsche über alles andere setzte. „A primalist individual will eat when they are hungry, sleep when they are tired, and do what they please when they please to. This may also be considered "doing what you want and not giving a fuck….However, a primalist may also find satisfaction in what may be more traditionally considered "primal": living outdoors, raw foods or vegan, primalsexuality, etc. Primalism, at its core, is about bringing humanity back to paleolithic or even pre-paleolithic cultural standards and lifestyle.”
Die Bezüge, die für Marvin Gralnick immer wieder bemüht werden, sind Jean-Michel Basquia oder der Primitivismus, der Picasso und Dubuffet beeinflusst hat. Die Rückkehr zum Einfachen, Primären und Ursprünglichen – ganz im Sinne Rousseaus, der den ganzen kulturellen Entwicklungsprozess der Menschheit nicht als Fortschritt, sondern als Degeneration gesehen hat, ist das Spiel von Marvin Gralnick. Hier ist er bei sich selbst, nicht beim Verkauf von Mode, sondern bei Malen solcher expressiven Bilder. Wir als Betrachter können uns dem nicht entziehen, weil wir die Bilder schnell verstehen – auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick fragen wir sicher nach den Spielregeln von Marvin Gralnick – ist das mehr als wir verstehen? Ein Tür öffnet sich, treten wir ein in den Raum der Fragen…

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