Galerie im Petrushof

Klaus Prior

Menschenbilder Zeichnungen und Gouachen von Klaus Prior
17.April bis 24. Mai 2016

Eröffnungsvortrag von Walter Berner

Sehr verehrte Gäste,
liebe Freundinnen und Freunde des Petrushof,

als Mitglied des Fördervereins „Freunde des Petrushof e.V.“ darf ich sie heute anlässlich der Eröffnung einer neuen Ausstellung hier in der Galerie im Petrushof herzlich begrüßen. Es freut uns sehr, dass die Besitzerin dieses Anwesens und Galeristin, Maria Faulhammer-Wiedemann, immer großes Interesse daran hat, diese Galerie mit neuen Ausstellungen bespielen zu lassen und zu beleben. Ihr gilt als erstes unsere Anerkennung dafür, dass diese Räumlichkeiten stets gepflegt und in Stand gehalten werden für die Idee einer kulturfördernden Gesellschafts- und Freundschaftspflege im weitesten Sinne.
Den Mitgliedern der „Freunde des Petrushof e.V.“ sei gedankt für die Organisation, Mithilfe beim Aufbau der Ausstellung und Durchführung dieser Vernissage.

Menschenbilder – Zeichnungen und Gouachen – von Klaus Prior

Klaus Wilhelm Prior wird am 28. Juli 1945 in Wesel geboren.
Die Nachkriegszeit und die dramatische Atmosphäre des Wiederaufbaus prägen seine Kindheit und Jugend. In einer Turbinenfabrik in Wesel absolviert er eine Lehre als Präzisionsmechaniker, die er mit dem Diplom abschließt.
Schon in sehr jungen Jahren interessiert er sich für Kunst und erhält von erfahrenen lokalen Malern erste Anleitungen.
1964, als 19-järiger, siedelt er in die Schweiz um, wo er in verschiedenen metallverarbeitenden Betrieben Beschäftigung findet.
Im Jahr 1968 besucht er in der Kunstgewerbeschule St. Gallen Abendkurse für Malerei und Zeichnen.
1970 zieht er um ins Tessin. Aus der Beschäftigung mit der bildenden Kunst entsteht ein Werk, in dessen Mittelpunkt der Mensch steht, den Prior immer wieder von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachtet.
In Tessin kommt er auch in Kontakt mit verschiedenen bekannten Künstlern.
In den siebziger und achtziger Jahren findet ein großer Teil seines malerischen Werkes über den Kunsthandel zahlreiche Käufer.

Nach fast zwei Jahrzehnten im Tessin erlangt Prior 1989 die schweizerische Staatsbürgerschaft. In den frühen neunziger Jahren macht er erste Versuche als Bildhauer. Mit der Kettensäge schafft er Holzskulpturen von großer Ausdruckskraft. Prior zeigt sein Werk in zahlreichen Einzelausstallungen in den Vereinigten Staaten, in Deutschland, Italien, Spanien und in der Schweiz. Dabei lassen sich sowohl seine bildhauerische Entwicklung als auch der Vertiefungsprozess in der Malerei verfolgen.
Weniger bekannt sind seine Zeichnungen und Arbeiten auf Papier, die zum Teil in dieser Ausstellung zum ersten Mal gezeigt werden.
Der Künstler lebt und arbeitet weiterhin als Maler und Bildhauer in Lugano und im Piemont.

Zeichnungen

Eine Figur, ein Paar. - Einige Pinselstriche. – Leben, Bewegung, Vibration.
Nicht Entwurf oder Vorarbeit, nicht Planskizze oder Hintasten an ein Bild oder eine Skulptur. – Eigenständige Fingerübung und dennoch Ergänzung, Vorläufer, Zutat zur Malerei. – Menschen in ihrer nackten Körperlichkeit, gebeugt und aufrecht. Farbe, einmal mehr , einmal weniger. Mit Kohlestift lasierend und doch mit inniger Kraft.

Das Vokabular dieser Kommentarsprache sagt natürlich mehr aus als über ein einzelnes Kunstwerk. Wir, die Rezipienten, die heute Kunst betrachten, betrachten nicht allein das Kunstwerk, sondern die „Idee von Kunst“.
Die Kommentare können nicht immer als Ausdruck einer Referenz auf die Hoheit der Kunst verstanden werden, sondern im Gegenteil, oft nur als Kompensation eines Mangels an Erklärungsmöglichkeit, an der die moderne Kunst heutzutage leidet. Es ist deshalb nicht die Aufgabe der Kunstsammler oder Galeristen, sich zu Erfüllungsgehilfen des Künstlers zu machen, der möglicherweise seinen eigenen trivial-peinlichen Phantasien freien Lauf gelassen oder sich sogar zu Beleidigungen des Rezipienten hat hinreißen lassen.
Aber wir als Rezipienten der Kunst sehen uns anlässlich einer Kunstausstellung bereits in einer moralischen Pflicht, zu erkennen und zu beweisen, dass jede einzelne Arbeit Teil eines Gesamtwerkes sein kann. Wir als Rezipienten helfen zu entscheiden, was überhaupt als Kunst Beachtung finden kann und soll.
Ein Einführungsvortrag ist ein Versuch, ein Angebot, vielleicht ein Anstoß.

Menschenbilder

Klaus Prior entfaltet bei seinen Zeichnungen ein offenes System ästhetischer Möglichkeiten, stets bezogen auf „Wirklichkeit“, das heißt bei ihm, auf die optische, greifbare oder imaginäre Gegenwart von menschlichen Figuren.
Das flexible zeichnerische Prinzip durchdringt auch seine Malerei und beherrscht vor allem auch seine großen Holzfiguren. Es wird auf dem einzelnen Blatt nicht nur vorbereitet, sondern in langen, oft verschlungenen Sequenzen und endlosen Möglichkeiten erprobt und virtuell durchgespielt. Obwohl einzelne Werke wie vollendet wirken, ist ihr eigentliches Element die Nichtvollendung, die Bewegung, der permanente Ideenstrom, Überraschungen und Widersprüche, die modalen Variationen und Verwandlungen, kurz die Unausschöpfbarkeit der Möglichkeiten.
Es scheint, als wollte der Künstler nur die unmittelbare und emotionale Wirkung gelten lassen. Er will reinigen, läutern, erschüttern. Seine Zeichnungen, Bilder und Plastiken sollen Menschliche Grundgefühle ausdrücken, Ekstasen und Depressionen, Glück und Verhängnis.

Welche Dimension der Möglichkeiten zur philosophischen Reflektion steckt nun in diesen Zeichnungen, in diesen Menschenbildern? Das Bild des Menschen zeichnet sich mit Begriffen wie Gefühle, Berührung, Sehnsucht, Eros, Nacktheit, Tod.

Wir brauchen das Gefühl, das sich im Leib eines anderen Menschen verkörpert, um unser eigenes fühlen ganz auszuschöpfen. So wie wir manche Emotionen erst in der Darstellung eines Kunstwerkes erkennen, lotet der Kontakt mit anderen Menschen die tiefe unseres Herzens aus und macht uns zu uns selbst.

Alle Wahrnehmung ist Berührung, und alles Berührtsein ist Metamorphose. Unser Körper übersetzt die dauernden materiellen Berührungen mit der restlichen Welt in Sinn. Fühlen ist Transformation, die Verwandlung der Gegenwart eines anderen in eigene Erfahrung. Berühren und Fühlen heißt, an einem anderen zu einem anderen zu werden. Unser Fühlen durch Berührung ist gleichsam eine transformierende Widerspiegelung des anderen. Das Außen wird ins Innen übersetzt und von da wieder zurückgeschrieben – ein magisches Kabinett aus Echos, ein Saal aus Spiegeln, denen nichts entgeht und die immer neue Bilder zeichnen.

Wer wir sind, wird bestimmt durch die je individuelle Sehnsucht, zu werden, zu wachsen, uns selbst zu entfalten und zu behaupten. Leben ist ein Prozess, indem sich eine Identität selbst erzeugt. Diese Identität liegt in der Sehnsucht, mit der sie sich in jedem Moment neu gebiert und in deren Namen sie alle möglichen Versuche unternimmt, sich schöpferisch zu entfalten. Was uns ausmacht ist eine Geste, ein Akt, ein Wunsch: der Wunsch weiter zu existieren.

Gedicht von Friedrich Nietzsche:

O, Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
Ich schlief, ich schlief-,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht:-
Die Welt ist tief,
und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh-,
Lust –tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit-,
-will tiefe, tiefe Ewigkeit.

Den Eros des Lebendigen zu begrüßen heißt nichts anderes als das: sterben können, die Unvermeidlichkeit des Scheiterns hinnehmen. Erst dann sind wir ganz Körper – und zugleich ganz über diesen hinaus.
Sterben lernen heißt somit, die Wirklichkeit sehen, ohne sie in eine angenehme Richtung zu bürsten. Nur das bedeutet, wirklich zu sehen. Und nur das heißt, plastisch zu sein, schöpferisch zu sein, ohne sich für seine eigene Unvollkommenheit schämen zu müssen.

Ich muss, um in die lebende Welt mich einzulassen, ganz verletzlich werden und lernen, wirklich ohne Verteidigung zu sein, in der vollkommenen Prekarität, wie jede meiner Zellen von Moment zu Moment. Ich muss in der absoluten Unsicherheit sein, um restlos die Wirklichkeit wahrzunehmen. Es ist die Nacktheit in extremis, die Nacktheit des Tiers, die Nacktheit der Welt selbst.

Die Spielregeln des Lebens besagen, dass wir versuchen sollten, so lebendig wie möglich zu sein – und gerade darin zutiefst anerkennen sollten, dass wir vollkommen sterblich sind. Die Tragödie annehmen. Nicht davonlaufen, nichts entschärfen. Den Schmerz auszublenden erhöht die Schmerzen. Die Gefühle abzuschalten verstärkt sie unsichtbar an anderer Stelle. Eigenes leiden zu ignorieren bewirkt, dass andere leiden. Leben um jeden Preis wird im Extrem zum Mord.

 

Prior zeigt in seinem Werk nicht etwa eine düstere Welt, in der man nicht leben kann. Die Welt ist wie sie ist, mit Möglichkeiten für Leid und Glück, für Schmerz und Freude, mit Chancen und Gefahren, wie für die Menschen erschaffen.

Er zeigt uns Gefährdete Menschen, nicht aber das Schreckliche, das sie bedroht. Es sind oft an sich selbst leidende und resignierte Menschen.
Es sind Ausgesetzte, Wartende, die nicht wissen, wohin sie gehen sollen. Sein Thema ist auch der Heimatlose, der Entrechtete, wohl auch der Flüchtling oder das Opfer. Immer aber sind es Menschen, die trotz Gesten der Resignation ihre Würde bewahren. In diesem Sinne sind es auch Wissende, die ihr Schicksal tragen, so wie jeder von uns sein eigenes.

weitere Zeichnungen

petrushof-mw@t-online.de