Galerie im Petrushof

Daniel Sigloch

03.12.06 - 11.03.07
Digitale Malerei und Zeichnung
Zur Ausstellung erscheint eine Publikation.

Daniel Sigloch stellt in der Galerie im Petrushof, Obermarchtal, vom 03.12.2006 bis zum 11.03.2007 Digitale Malerei (Landschaften und Portraits) und Zeichnungen („Craco“) aus.

Mit diesen Werkzyklen hat sich Daniel Sigloch von der konkret-konstruktiven Kunst verabschiedet, die der dominierende Kunststil seiner Frühphase, seiner Lehrer und seiner  schwäbischen Heimat war. Diese Kunst mit ihrer Tendenz zu Selbstbezüglichkeit und Selbstgenügsamkeit in Material-, Technik- Form- und Inhaltsfragen bot ihm einen geschützten Hort der künstlerischen Ausbildung.

Die heutige Situation bildnerischen Arbeitens zeichnet sich durch eine unübersichtliche Vielfalt verfügbarer Stile, Konzepte, Materialbewältigungen und Bildgenerierungsverfahren aus. Diese Situation kommt jedoch Daniel Siglochs Verlangen nach einem erweiterten Ausdrucks- und Empfindungsspektrum, seinem Interesse an der Rekonstruktion und Bewältigung bildnerischer Probleme, auch aus vormodernen Epochen, und seiner entwickelten historischen Sensibilität sehr entgegen.

Wie viele seiner zeitgenössischen Künstlerkollegen setzt auch er die Digitalkamera zur Gewinnung visuellen Ausgangsmaterials ein, das er am Rechner oder manuell weiterbearbeitet. Er nennt seine Arbeiten „Malerei“ und „Zeichnung“, weil unter Bezugnahme auf die Aspekte Bildwirkung oder Bildherstellung sich im Hinblick auf diese historischen Ausdrucksformen der Bildenden Kunst unerwartete Gemeinsamkeiten offenbaren.

In seinen großformatigen „Digitalen Malereien“ schichtet er Abfolgen von Landschaftsfotos, die er während einer Autofahrt mit seiner Kamera nacheinander aufgenommen hat, übereinander, vereinigt sie - nach Retuschierung zivilisatorischer Spuren -  zu  einer menschenleeren Landschaft, um neue vielleicht auch irritierende Möglichkeiten der Sinneswahrnehmung und Naturerfahrung durchzuspielen. Heraus kommen Bilder, die in ihrer atmosphärischen  Wirkung zwar an William Turner erinnern, die sich aber bei genauerem Hinsehen, beim Versuch der Rekonstruktion von Landschaftsformationen und –Elementen in enorme Widersprüchlichkeiten verstricken.

Oder er lagert Portraitaufnahmen innerhalb eines definierten Zeitraumes übereinander, entindividualisiert die betroffene Person von ihren zeitlich zufälligen Gesichtsregungen und den sie umgebenden unterschiedlichen Lichtverhältnissen, um die Möglichkeit zu erproben, ein für einen längeren Zeitraum gültiges Abbild eines Menschen zu erzeugen. Heraus kommen Gesichtsdarstellungen, die wie auf traditionellen Ikonen zwar von innen heraus leuchten, in ihrer maskenhaft-mumifizierten Ruhe aber von der Unsicherheit im Wissen über das Wesen des Menschen 1) sprechen. 

Weder parodiert 2) noch kopiert 3) Daniel Sigloch klassische Positionen der Kunstgeschichte mit bildnerischen Mitteln aus dem Zeitalter digitaler Produzierbarkeit. Die Bezüge zu den kunsthistorischen Großmeistern werden nicht konzeptionell geplant. Sie stellen sich im Einsatz neuerster fototechnischer Verfahren bei der Re-produktion traditioneller Bildinhalte wie Landschaft und Porträt im Nachhinein ein. 4)

Die sich in ihren konsequenten Regelverschärfungen und Neuerungen überbietende bildnerische Avantgarde hatte sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts immer schneller vom durchaus geneigten Publikum und seinem Geschmack entfernt. Die Fotographie übernahm in der Ordnung des Sichtbaren Repräsentations- und Identifikationsaufgaben der klassischen Malerei. In der Malerei entleerten sich die Leinwände von der schönen Darstellung wiedererkennbarer Gegenstände und von psychologischem oder ideologischem Sinn. Ihre Aufgabe wurde eine philosophische: Darstellung des Unsichtbaren.

Angesichts dieser Entwicklung zeigt Daniel Sigloch gegenüber dem Betrachterbedürfnis nach Schönheit, Erkenntnis, Kommunizierbarkeit und (Selbst)Identifikation ein gewisses Verständnis.

Die elektronischen Informationstechnologien und mit ihnen die digitale Fotographie durchdringen den Berufs- und  Lebensalltag der Menschen in den wirtschaftlich entwickelten Staaten vollständig. Insofern kommt Daniel Siglochs Einsatz der digitalen Fotografie einer heute durchaus üblichen, mit dem Künstler Kontakt suchende, Frage des Kunstrezipienten, „Wie haben Sie das gemacht?“, wohlwollend entgegen, obwohl sich dahinter oft eine große Unsicherheit bezüglich der semantischen Dimension der jeweiligen Arbeit verbirgt.

Während der Technologie der Kamera  - in der Hand des Amateurs, dem einzig die Wahl des Gegenstandes  übrig bleibt - die Perfektion der „schönen“ Bilder zu verdanken ist, bemächtigt sich der Künstler dieser Technik indem er mit ihr experimentiert und das Neue, Unerwartete im Alten, Bekannten und umgekehrt sucht.

In seinem neuen Craco-Zyklus nimmt Daniel Sigloch sein Lieblingsthema Haus 5) wieder auf und reflektiert eindringlich auf die klassischen  Merkmale des Mediums Zeichnung kleinformatig, farbreduziert, konzentriert.

Craco, ein organisch gewachsenes Bergdorf im italienischem Süden, wurde in den 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts von seinen Bewohnern wegen Erdbeben- und Einsturzgefahr verlassen. Der Ort verfällt und stellt heute eine Ruinenlandschaft dar. Die Menschen zogen ins Tal, in neue, sterile kasernenähnliche Mehrfamilienhäuser.

Das Ausgangsmaterial der 9 x 9 cm großen  Zeichnungen bilden wieder Fotos, die Daniel Sigloch aus Craco-Häusern mit dem Blick nach draußen aufnahm:  Zuerst ein Foto von der  Balkontür oder Fenster in die offene Landschaft. Dann ein Foto, nach Verlegung des Aufnahmestandorts ins Gebäudeinnere, mit Blick durch die Fenster, Balkontüren und die durch den natürlichem Verfall entstanden Risse und Spalten in der Außenwand. Von der Wand und ihren Öffnungen abstrahiert der Künstler in Handarbeit Druckschablonen, mit denen er weiße Pastellpigmente und schwarze Tinte in abgestufter Dichte auf die in Gips eingedruckte Landschaft des Ausgangsfotos aufträgt. Die Gegenstände der horizontal geordneten Landschaft draußen, Hügel, Sträucher, Architektur, verlieren ihre Stellung im perspektivischen Raum und werden in ein kontraststarkes, vertikal ausgerichtetes Flächengefüge integriert, das als Zeichenschrift für „die Stimmung vor Ort“, wie der Künstler sich ausdrückt, steht.

All dies zeigt eine erstaunliche Nähe zum Paul Klee der 20iger Jahre des vorigen Jahrhunderts, der Landschafts- und Architekturelemente zu farbigen Grundformen verwandelt und seriell auf der Bildfläche anordnet. Und zu Caspar David Friedrich, der uns zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom leeren Innenraum seines Ateliers aus durch das Fenster als der Grenzlinie zwischen subjektivem Inneren und objektivem Äußeren in die Landschaft blicken lässt. Die schon in der Romantik vermutete Trennung zwischen Natur und Kultur, die bei Klee nur noch für einen Moment einer ästhetisch-formalen Versöhnung zugeführt wird, wird bei Daniel Sigloch in einer Art gesetzesschwerer Keilschrift festgeschrieben. Hat sich der menschliche Geist wie ein verwundetes Tier in die hinteren, dunkleren Räumlichkeiten seiner Zivilisationsruinen zurückgezogen? ...

Bei den Craco-Zeichnungen handelt es sich um Darstellungen einer ästhetischen Idee im Sinne Kants. Unter diesem Gesichtspunkt spielt der Künstler sicherlich nicht nur unbekümmert mit dekorativen Architekturfragmenten oder verführt  in  dekonstruktiver Trümmerästhetik Krisengebietstouristen in die Basilikata.

Steht der Craco-Zyklus  also eher für die Einsicht in die Unversöhnlichkeit von Mensch und Natur? Bringt er das Ende des Glaubens an einen historischen Fortschritt zum Ausdruck? Oder bebildert er den warnenden Gedanken an eine fortwährende Gefährdung der menschlichen Existenz?

„Unter einer ästhetischen Idee aber verstehe ich diejenige Vorstellung der Einbildungskraft, die viel zu denken veranlasst, ohne dass ihr doch irgend ein bestimmter Gedanke, d.i. Begriff, adäquat sein kann, die folglich keine Sprache völlig erreicht und verständlich machen kann.“ 6)

1) Die Neurowissenschaft und Hirnforschung beteiligt sich neben den Massenmedien mit ihrem Meinungsterror an einer totalen Infragestellung des Selbstverständnisses des Menschen als eines mit Bewusstsein und Freiheit begabten Wesens. 2) Daniel Sigloch ist im persönlichen Umgang ein fröhlicher Zeitgenosse, der im Kreise seiner Künstlerfreunde FFM durchaus auch zu künstlerischen Späßen aufgelegt ist. Auf sich alleine gestellt, zeigt er sich jedoch ernst und entschieden. 3) Friedrich Nietzsche in MENSCHLICHES ALLZU MENSCHLICHES, 1. Abt. Nr.126: „Man ehrt die großen Künstler der Vergangenheit weniger durch unfruchtbare Scheu, als durch tätige Versuche, ihnen immer wieder zum Leben zu verhelfen.“ 4) Das in der Ausstellung ausgestellte Doppelportrait mit Profilansicht macht da vielleicht eine Ausnahme. Es präsentiert sich eindeutig als Hommage an Piero Della Francesca. 5) Schon 1999 hatte er den Schriftcharakter isometrischer Hausdarstellungen – aber damals noch ganz im Banne der Konkreten Kunst  - herausgearbeitet. 6) Immauel Kant, KRITIK DER URTEILSKRAFT, § 49

Wolfgang Faulhammer, Galerie im Petrushof Obermarchtal, November 2006

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