Galerie im Petrushof

Michael Ullman

November 05 - Februar 06

Die erste Ausstellung zur Eröffnung der neuen Galerieräume fand am 6.November 2005 statt. Präsentiert wurden neue Arbeiten Micha Ullmans. Micha Ullman hatte davor, im Juli 2005, den Hans-Thoma-Preis, den wichtigsten Kunstpreis des Landes Baden-Württemberg, erhalten. Er war von 1991 bis 2005 Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. 1987 und 1992 nahm er an der documenta VIII und IX in Kassel teil. Seine international bekannteste Arbeit ist die „Bibliothek“ in Berlin von 1995 auf/unter dem August-Bebel-Platz in Erinnerung an die Bücherverbrennung von 1933. Mit der „Bibliothek“ hat Micha Ullman einen wesentlichen Beitrag zur Geschichte des Mahnmals im 20. Jahrhundert geleistet.

Erstmalig in einer Privatgalerie wurden Fotographien von Spiegelungen in Pfützen auf Straßen, Wegen und Plätzen – darunter auch von Pfützen auf dem Bebelplatz in Berlin aus dem Jahr 1994 angeboten. Speziell diese Fotos dienten Micha Ullman als Skizzen zur Ideenfindung für die „Bibliothek“. Des Weiteren waren Auflagenarbeiten nach ursprünglich ortsgebundenen Minimenten zu sehen. „Minimente“ stehen im Gegensatz zu Monumenten. Dabei handelt es sich um kleine, fast unscheinbare Pfützen-Skulpturen, Aushöhlungen, Eingravierungen, Ein“schreibungen“ in Stein- und Betonplatten oder Pflastersteinen, die Regenwasser aufnehmen und dabei die Umgebung spiegeln können. Die gezeigten Eisen-Wasser-Skulpturen dokumentieren ein für den Künstlertypisches, minimalistisches Material-, Motiv- und Formenrepertoire.

Die Archäologie der Aktualität“ -  Bemerkungen zu den Arbeiten Micha Ullman in der Galerie im Petrushof
von Dr. Reinhard Müller

Arbeiten eines durch und durch unzeitgemäßen Künstlers sind zu sehen, unzeitgemäß, gerade weil er sich anschickt, das Diktum vom Ende der Kunst, demzufolge alle Kunst anachronistisch sei, gründlich, nicht nur in der selbstbezüglich-intransitiven Performanz eines „Siehe, es gibt Kunstwerke“ zu widerlegen. Denn Micha Ullmans Arbeiten können vor Hegels normativem Begriff der Kunst durchaus bestehen, sie erweisen, bei allem sinnlichen Nachdruck, zugleich politische und sittliche Kraft in der Entfaltung verbindlicher Inhalte. So müssen und wollen sie sich dieser doppelten Problematik oder dem doppelten Vorwurf ihres Anachronismus vorbehaltlos stellen. Wir dürfen von ihnen eine Reflexion der Zeit: sowohl der Zeit des Kunstwerkes wie der Zeit, in die sie sich einmischt, als auch der Zeitlichkeit als Dimension der Existenz erwarten.

Freilich verfügen sie zugleich souverän über die Mittel der künstlerischen Moderne, sie operieren mit minimalen, konzeptionell kontrollierten Eingriffen und einem reduzierten Formrepertoire. In ihrem diskreten Fast-Nichtswerden sie, die als Öffentliche sich ihrer Musealisierung – und auch dem Markt – weitgehend entziehen, niemals laut, monumental oder repräsentativ (Ullman nennt seine Arbeiten „Minimente“.), sie exponieren sich konträr schutzlos bis hin zum Übersehen-Werden und zum eigenen Verschwinden. Gleichwohl und gerade deshalb setzen sie maximale Energien und Intensitäten frei, ziehen den Betrachter in sich hinein wie in einen Strudel, in dem alle sicheren Gegenwartsbezüge und -orientierungen aufgesogen werden, in einen Strudel, die derenVerstörung in der Berührung von Spuren hermetischer Vergangenheiten - Vergangenheiten, die niemals gegenwärtig waren - und Ahnungen ungewisser Zukünfte erbringt. Sie sind in diesem benjaminschen Sinn „ursprüngliche Arbeiten“, die eine Gegenwart, in der alle Dimensionen der Zeit sowohl angehalten und einbehalten als auch eingeschmolzen sind in ihren Fortgang, entspringen lassen.

Diese Ursprungsdimension der Arbeiten Ullmans lässt sich vielleicht mit dem Verfahren des Grabens
(„Ich bin einer, der gräbt“; das Mahnmal „Bibliothek“ unter dem Berliner Bebelplatz ist die bekannteste dieser Arbeiten), des skulpturalen Radierens, und dessen komplementärer Aktion, der Schüttung, erhellen. Darin weisen sie (sich) ein in die Dialektik von Suche einer Fundamentierung oder Stiftung und Entzug des Grundes in immer tieferen Ablagerungen, Verabgründungen. Diese Zwiespältigkeit des Grabens und des Schüttens (Ullman bevorzugt, wenn ich recht sehe, unter den Konnotationen dieser Begriffe die kultivierende und diemilitärische) führt vor die offenen Fragen nach uns selbst: nach unserer Möglichkeit, dem Sein-Können und unserer Kontingenz, dem Anders- oder Nicht-(Mehr-)Sein-Können. Diese Kategorien der Modalität werden nicht als gegenständliche Bestimmungen verwendet, sondern als die existenziell-geschichtlichen Einsätze, um die und mit denen der Kampf um die Gestalt des Menschen geführt und in dem die Subjektivität als davon berührte hervorgebracht wird. Indem sie in diesen Raum vordringen, sind diese Arbeiten reine kommunikative (nicht belehrende oder vermittelt-vermittelnde) Handlungen, „Geschichtszeichen“, die„zu denken“ geben und heißen und deshalb immer nur wiederholt werden können.

Auch darum verzichten die Arbeiten Ullmans auf die Darstellung des Menschen, wenngleich sie in ihren
Maßverhältnissen und objekthaften Anspielungen (Stuhl, Haus usw.) immer auf ihn Bezug nehmen: der
Aufenthalt des Menschen auf dieser Erde, sein „Ethos“ ist nicht – auch nicht in einer phänomenologisch
oder historisch zu fassenden einfachen Sittlichkeit – gegeben, „evident“, so dass er repräsentiert werden könnte. Sie zeigen – jeweils in ihren lokalen und zeitlichen Bezügen, in die sie sich hinein situieren - wie eine Spur nachträglich und vorauslaufend zugleich, dass dieser Aufenthalt nicht gegeben, nicht fest gegründet, sondern immer schon und immer nur (im doppelten Sinn) aufgegeben ist. Indem sie ihre Betrachter so aus den Selbstverständlichkeiten ihrer Lebenswelten herausreißen und radikal vereinzeln, möchten sie zugleich ihre unwahrscheinliche, nur über die Betrachtung und Interpretation der Arbeiten ermöglichte Kommunikation einrichten, ihre, mit Kant gesprochen, Verweltlichung.

Die Grabungen und Schüttungen Micha Ullmans sind in der Bebilderung des Gedächtnisses, der Aus-
und Freilegung von Spuren des Ver(un)möglich(t)en und des Gefährdeten, die der Präsenz, dem „Jetzt“-
Sagen im Einsprung des Selbstbezugs und in der Verpflichtung der Zeitgenossenschaft vorhergehen,
Archäologien unserer Aktualität.

petrushof-mw@t-online.de