Galerie im Petrushof

Klaus Wagner

Dr.Reinhard Müller

Einführung zu den Arbeiten Klaus Wagners
(zur Eröffnung der Ausstellung im Petrushof am 29. 6. 2014)

Liebe Besucher,

herzlich willkommen zur Sommerausstellung in der Galerie im Petrushof. Allen Helfern, die zur Konzeption, zum Aufbau der Ausstellung und dafür, dass unsere Vernissage gelinge, beigetragen haben, danke ich im Namen der Galerie, im Namen von Frau Maria Faulhammer und ihres Freundeskreises. Ganz herzlich begrüßen möchte ich auch unsere Freunde Inge und Klaus Wagner, den Künstler, dessen Arbeiten heute vor uns her gehen sollen.
I.
Einleitung
Als ich die Ausstellung zum ersten Mal sah, dachte ich sofort: Prähistorische Kunst. Schwerlich wird in der Betrachtung der „Ikonogramme“ des ersten Raumes dieser Ausstellung die Erinnerung an die Felsbildkunst im Valtorta-Tal der spanischen Levante vermieden werden können, in der wie nie später mehr über die Reduktion der Gestalt Wucht und Anmut der Bewegung ins Bild gebracht wurde.
Der Faszination der prähistorischen Felsbildkunst – vielleicht die einzig universale Kunst, die die Menschheit je hervorgebracht hat, die uns Millionen von Graphemen hinterlassen hat – und der Erwiderung, die sie in den hier ausgestellten Arbeiten Klaus Wagners gefunden hat, will ich ein wenig nachsinnen.

Emmanuel Anati, ihr großer Archivar, berichtet von zwei Besuchen junger Künstler in seinem „imaginären Museum“. Der eine sagt nach einem Aufenthalt von einem Tag sinngemäß: „Es gibt nichts mehr zu schaffen; weil alles schon vollbracht ist, bleibt uns nur die Wiederholung. Jede Kunst ist verspätet und epigonal“. Der andere: „Weil uns nur die Wiederholung bleibt, kann alles neu beginnen. Denn die Wiederholung bringt das Unabgegoltene dessen, was gewesen ist, heraus.“ Die Arbeiten Klaus Wagners stellen genau auch diese Frage nach dem Zwischensinn der Wiederholung – dem Verhältnis von Repetition und Erneuerung. Auch in diesem IMZWISCHEN sind sie angesiedelt. In drei Kontexten will ich mich seinen Arbeiten annähern.

II.
Der biographische Kontext
Klaus Wagner wurde 1934 in Tuttlingen geboren. In den Erstkontakt zur Kunst kam er über den malenden Vater. Autodidaktisch erwarb er sich neben der Berufstätigkeit als Zahnarzt für Oralchirurgie zunächst die konventionellen Grundlagen der bildnerischen Tätigkeit. Die unbedingte Selbstbeanspruchung, in der Klaus Wagner dieses „Hobby“, wie es zunächst erscheinen mag, pflegte, zeigt die in der Mitte der 90er-Jahre vollzogene Lösung von den Konventionen von Bildraum, Perspektive, Darstellung und Techniken und die vollständige Reorganisation seiner künstlerischen Sprache in eine nicht-gegenständliche Reduktion, die er in immer wieder andere Versuchsanordnungen bringt. Ausschlaggebend war für Klaus Wagner wohl das Fernstudium in der Akademie Vulkaneifel und die sich daraus ergebende Freundschaft zu dem belgischen Beuys-Schüler George Glaser, der mit ihm die Faszination durch die Archäologie teilte. Auf vielen Reisen in etliche Kontinente suchte Klaus Wagner nicht nur das Sand-Material für seine Arbeiten (z.B. isländischen Vulkansand „aus Askya“; sprechen Sie mit ihm über die unterschiedlichen Sandqualitäten!)), sondern auch die Inspiration durch deren prähistorischen Bildwerke (z.B. in Nordamerika und in der Sahara). Unsere Ausstellung zeigt einen Ausschnitt deren Produktivität seit 2008.

III.
Der darstellerische Kontext
Was zunächst auffällt, ist die schrundige, reliefartige Sand-Oberfläche vieler Arbeiten. Die Flüchtigkeit und Diffusität des geschwemmten oder geschütteten Sandes wird fixiert, geschliffen, graviert. Dabei entstehen schraffierte, spiralartige oder labyrinthische Formen, die man in einem konventionellen Sinn Landschaften, besser aber Topographien (Landkarten) nennen könnte. Nicht abbildlich, sondern ideogrammisch (eminentes Moment der prähistorischen Felsbildkunst) rufen sie gleichwohl Assoziationen auf von Fließbewegungen, Gesteinsformationen, Wegen und Spuren.
Dann erscheinen in diesen Landschaften wie Fremde blockhaft reduzierte, gesichtslose Gestalten. Meist armlos und ohne Gegenstände, mit ganz sparsamen Gesten (wie dem Aufheben, dem Abstützen, dem Winken und dem Zeigen) und gleichwohl markant unterschiedlichen (Kopf-) Haltungen treten sie diesen „Landschaften“ gegenüber, neigen sich in gleichsam archäologischer Disziplin diesen Spuren zu und werden zu ihren Deutern. Wir werden versetzt in die „Zeichenzeit“: in die Zeit, in der Zeichen als Spuren bzw. Spuren als Zeichen gelesen werden müssen. Der Unterschied zwischen physischem (geologisch-fossilen) oder kulturellen, zwischen nicht-intentionalen oder intentionalen Hinterlassenschaften ist für den Vorgang der Deutung vollständig irrelevant. Vermutlich kann man sogar sagen, dass mit dieser Nicht-Unterscheidung oder Verwechselung von physischen, animalischen oder menschlichen Spuren der Prozess der Bezeichnung als Deutung begann. (Der erste Künstler (Deuter) war ein Finder, der als intentionale Hinterlassenschaft nahm und wiederholte, was vielleicht nur einem geologischen oder paläo-ontologischen Formationsprozess, also einer Nicht-Intentionalität unterlag: nicht anderes ist das Geistige in der Kunst.)
Diese Indifferenz wird besonders deutlich in den Arbeiten Klaus Wagners, die ich Palimpseste („Wahrschau“, „Hintergrundengel“, „weit draußen“, „beobachten“ und „beschützen“) nennen möchte, in denen Schemen-Gestalten vor andere Schichten von Schemen-Gestalten treten und sie mit der gleichen Attitüde des Rätselns und der Hinzufügen-Müssens betrachten. (Auch diese Schichtung von Zeichen über Zeichen ist ein wesentliches Motiv der prähistorischen Kunst.)
Wir Betrachter der Arbeiten Klaus Wagners sehen also diesen Gestalten beim Deuten und Rätseln zu. Aus den Andeutungen von heiteren und, insbesondere wo deutlich voneinander abgetrennte Gruppen aufeinandertreffen, dramatischen Haltungen, Gesten und Stellungen können wir (in) jedem Bild eine Deutungsgeschichte erraten und ihm hinzufügen. Diese Hinzufügung einer Geschichte ist das, was die Bilder sowohl zeigen als auch von uns erwarten (gleichsam als den von ihnen implizierten, erwarteten Betrachter). (Nebenbei bemerkt, ist die narrative Dimension der prähistorischen Kunst (Ihre Grapheme seien Stützpunkte eins erzählerischen Kontextes, schrieb Leroi-Gourhan) das stärkste Motiv dafür, dass die Unterstellung eines archetypisch formierten Unbewussten, zu der die Verwandtschaft ihrer Bildwelten in allen Regionen der Erde geführt hat, nicht zwingend sei.)
Klaus Wagner dreht die alte Horazsche Maxime „Wie ein Bild sei Dein Gedicht“ um in ein „Wie eine Erzählung sei dein Bild“. In den Aufforderungen, ins Bild hineinzugehen und ihm eine Geschichte zu geben, steckt der durch und durch reflexive („moderne“) Charakter der prähistorischen Kunst sowohl als der Arbeiten Klaus Wagners. Nichts wünscht er sich mehr, als dass sie in diese Art der Interaktion geraten, in der die Hinzufügung sie erst zu sich bringt.

IV.
Der anthropologische Kontext des IMZWISCHEN
Homo imaginando non intelligendo fit omnia, sagt der große neapolitanische Philosoph aus dem 18. Jahrhundert G. Vico. Nicht durch Erkennen, sondern durch die Einbildungskraft entsteht eine menschliche Welt. Ihre anfänglichen Zeichen seien Metaphern, die im Kern die Indifferenz oder die Verwechselung von Physis und Thesis, Natur und Kultur, von Intentionalität und Nicht-Intentionalität seien und eine Geschichte der Humanisierung der Welt erzählen: „Jede Metapher, jedes Bild-Zeichen oder Zeichen-Bild ist ein kleiner Mythos.“
Wir haben der Ausstellung die Inschrift ImZwischen gegeben und sie damit, ohne es schon im Voraus ganz genau zu wissen, in einen anthropologischen Diskurs hineingestellt. Kunst spricht in allen ihren Darstellungen immer auch von sich selbst und das heißt davon, dass sie als Einbildungskraft im menschlichen Leben einen notwendigen Platz einnimmt, „aufgeht“; und umgekehrt begreift sie das menschliche Leben nur insofern als die Einbildungskraft darin einen sinnvollen Platz einnimmt.
Durch diese Platzierung der Einbildungskraft im menschlichen Leben wird dieses aber nicht als fester Ort bestimmt, sondern als ein im genauen Sinn IMZWISCHEN: zwischen Weltbindung und Weltfremdheit. Diese Zwischenstellung ist nicht so verstehen, als ob der eine Pol bedroht sei durch den anderen und sich gegen ihn sichern müsse; sondern so, dass das eine nicht ohne das andere zu haben sei. Die eine Seite ist nur, wofern auch die andere ist. Das IMZWISCHEN ist ein Durch-Hindurch.
Alle selbstgewissen Differenzen, in denen wir uns wohlig eingerichtet haben, etwa die Differenz von Natur und Geschichte, von Schöpfung und Ent(Er)schöpfung, von Finden und Erfinden werden zurückgesetzt, werden widerrufen in der Auslegung der Einbildungskraft als des Ortes, an dem wir unserer fundamentalen Ungesichertheit (Kontingenz) gewahr werden, die als Weltoffenheit zu beschreiben einem Euphemismus gleicht, die unsere Versuche des Verstehens und Deutens notwendig begleitet und stiftet. Eingespannt sind wir zwischen dem, dass wir unseren Platz gründen und behaupten müssen und dem, dass wir ihn nicht bewahren, in ihm nicht bleiben können, dass sich der Grund uns entzieht. Die grundlosen Gründung der Einbildungskraft ist von Klaus Wagner eindrücklich verzeichnet. Gleichsam als posthistorische Prähistorie der Prähistorie gehen seine Arbeiten zurück nicht einfach in die Kunst der Anfänge, sondern noch weiter in die Anfänge der Kunst selbst, die dieses IMZWISCHEN der nur sich selbst anheimgegebenen, reinen praktischen Einbildungskraft ist.
Indem sie die unabgegoltene Einbildungskraft der Anfänglichkeit erinnern, rufen sie zugleich die unableitbare Anfänglichkeit der Einbildungskraft auf. Die Wiederholung der Anfänge in diesem Sinn ist als Wiederholung selbst ein Anfang. Die Arbeiten Klaus Wagners fangen mit und in diesem zweiten und als solchem reinen Anfang an.

Liebe Besucher, ich möchte Ihnen wünschen, dass Sie sich vorbehaltlos und intensiv auf die Arbeiten Klaus Wagners einlassen können, auch auf die, die ich jetzt – wie die Maskenbilder und die Lebens-Kerbhölzer - nicht behandelt habe. Ich wünsche Ihnen gute Augenblicke und Gespräche untereinander und mit ihnen.

petrushof-mw@t-online.de